Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg: Was macht das mit der Psyche der Deutschen?

Frank Quiring (re) vom Rheingold Institut für Marktforschung im Gespräch mit Alexander Warstat während unserer Online-Reihe "Positionsbestimmung."

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„Die aktuell krisenhafte Umwelt führt zu einer tiefsitzenden Verunsicherung bei der deutschen Bevölkerung“, erklärte Frank Quiring vom Rheingold Institut für Marktforschung auf einer Online-Veranstaltung der norddeutschen Chemieverbände. Das äußere sich bspw. darin, dass Menschen sich der Tagesschau verweigern, weil es ihnen zu anstrengend und negativ geworden ist. Es äußere sich ebenso in dem ständigen Gefühl, es gehe mit der Welt bergab – flankiert durch das Gefühl, dass der Staat einen nicht mehr beschützen könne. „Diese irrlichternde Fahrt, die wir in der Pandemie vorgelegt haben und die unsichere Versorgungslage haben zu vielen Verunsicherungen geführt. Keiner wusste mehr genau, wie man sich zu verhalten hat. Das hat das Gefühl, allein gelassen zu werden, hervorgerufen“, so der Marktforscher. 

Diese Gefühle hätten eine große Rückzugsbewegung in Deutschland hervorgerufen.  Also einen Rückzug ins Private, ins Überschaubare, ins Regionale. Themen wie Familie, Freunde und das eigene Zuhause würden stark an Dominanz gewinnen, wohingegen die Verbundenheit mit der Gesellschaft insgesamt abnehme. 

Dennoch bestehe ein starker Wunsch nach Selbstwirksamkeit, den man aber in der Regel eher im nahen Umfeld auslebt, wie etwa in lokalen Vereinen oder schlicht im eigenen Garten. Überall dort, wo man das Gefühl habe, etwas erreichen zu können. Denn was die großen Zukunftsthemen angeht, hätten die Menschen das Gefühl, dass sie ohnehin nichts ausrichten können. 

Diese Gefühlslage fasse am besten das Wort „Machbarkeitsdilemma“ zusammen: Auf der einen Seite stehe der starke Wunsch Probleme anzugehen. Auf der anderen Seite seien die Probleme so groß geworden, dass man sie gar nicht lösen könne. Die Menschen changierten zwischen Untergangsphantasien auf der eine Seite und Erlösungshoffnungen auf der anderen Seite. 

Was macht den Menschen Hoffnung?

Hoffnung setzen die Menschen auf technologische Entwicklungen und Durchbrüche sowie starke, inspirierende Führungspersönlichkeiten, erklärte Quiring. Denn immerhin: 80 Prozent nehmen die Krise auch als Chance wahr. Die Menschen würden sich selbst zwar weniger in der Lage sehen Veränderungen voranzutreiben, wünschten sich das aber von großen Playern oder Führungsfiguren. Was die Player angeht, bestehe allerdings aktuell eine Skepsis gegenüber Politik und Parteien, was mit dem Corona-Handling und mit Merkels moderierendem, Status quo erhaltendem Regierungsstil zu tun habe. Das habe den Wunsch verstärkt, dass es jetzt Führungspersönlichkeiten brauche, die mit gutem Beispiel vorangehen, die Zukunft gestalten und Zuversicht vermitteln.

Dafür brauche es auch ein stärkeres Zusammenstehen der verschiedenen Führungspersönlichkeiten aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und NGOs. Die Botschaft müsse lauten: Wir sind Vorbilder, packen es an, lassen das Schiff nicht untergehen, auch wenn es an der einen oder anderen Stelle Schwierigkeiten geben wird.  Das sei ein großer Wunsch der Bevölkerung, könne ihr Mut und Inspiration geben. 

Eine zweite Studie, die das Institut jüngst während des Ukraine-Kriegs durchgeführt hat, bestätigt übrigens die Ergebnisse: „Die Ukraine-Krise hat das Grundgefühl von Ohnmacht nochmal deutlich verstärkt. Wir können davon ausgehen, dass sich der Rückzug ins Partikulare dadurch noch verstärkt“, fasst es Quiring zusammen.

Positionsbestimmung der chemischen Industrie: Was erwarten die Menschen aktuell von Unternehmen?

Die Menschen wünschen sich auch von der chemischen Industrie als einem wichtigen Player, dass sie Zuversicht verströmt, vorangeht und ihnen den Rücken stärkt, erklärte Quiring. Themen wie die geplante Treibhausgasneutralität der Chemie bis 2050 seien bspw. ein wichtiges Thema für die Menschen.

Folgende Empfehlungen aus der Rheingold-Studie 2021 über „Das öffentliche Bild der Chemie“ bekommen laut Quiring im Krisenmodus besondere Relevanz:

  • Berührbarkeit und Nähe herstellen durch Beziehungsangebote sowie Dialog-Kultur auf Augenhöhe
  • Kommittent auf gesellschaftlich relevante Themen 
  • Proaktive Verantwortungsübernahme
  • Gesamteinbettung in gesellschaftliche Prozesse: Das heißt mit der Politik oder NGOs an einem Strang zu ziehen, um etwas zu bewegen.


Außerdem empfiehlt Quiring der Chemie, eine Figur zu erschaffen, die Vertrauen ausstrahlt und die immer wieder eingesetzt wird, um für die Ziele der Chemie zu werben. Das käme bei den Menschen aktuell gut an. Sie bräuchten Figuren, denen sie vertrauen können, zu denen sie aufschauen können und die Zuversicht vermitteln. Das könnten durchaus auch reale glaubwürdige Personen aus der Chemie sein. Wichtig sei die Botschaft, dass der deutschen Gesellschaft unter Aufbringung eigener Opfer der Rücken gestärkt wird, zu signalisieren „Wir sind auch betroffen, aber mit ganzer Kraft bemühen wir uns die Situation zu verbessern“. 

Quiring sieht in der Krise übrigens auch eine gute Seite: Die Krise trage den ganzen Wohlstandsspeck, den wir uns psychologisch angefressen haben, ein Stück ab und rücke existenzielle Werte wieder stärker in den Mittelpunkt: Solidarität, Zusammenstehen, etwas Anpacken statt vor Netflix zu versacken. Vielleicht sei die Krise auch eine Chance, nicht nur im Merkel-Stil unseren Wohlstand verwalten zu wollen, sondern wichtige Veränderungsschritte anzugehen.