Interview mit Azubimarketing-Expertin Felicia Ullrich

Was jungen Menschen bei der Ausbildungsplatzsuche wirklich wichtig ist

Hieß es vor einigen Jahren beim Thema Recruiting oft „Gehalt ist doch nicht das Wichtigste!“, könnte man heutzutage mit einer solchen Aussage wohl kaum verkehrter liegen: Gehalt, Prämien und Sicherheit scheinen bei Jugendlichen aktuell die wichtigsten Kriterien bei der Jobsuche zu sein. Ob sich auch die Rolle von Sozialen Medien so radikal verändert hat und wie Jugendliche ihre KI-Kompetenz einschätzen, weiß Felicia Ullrich, Herausgeberin von Deutschlands größter doppelperspektivischer Studie zum Thema Ausbildungsmarketing, den „Azubi-Recruiting Trends“.

Foto: KI-generiert

Frau Ullrich, Sie führen die Studie „Azubi-Recruiting Trends“ seit vielen Jahren durch. Was fällt Ihnen 2026 besonders auf?

Für mich zeigt sich, der Ausbildungsmarkt ist im Umbruch. Ein guter Indikator dafür ist die Zahl der Bewerbenden mit mehreren Ausbildungsplatzangeboten. 2019 hatten noch 73 Prozent mehr als ein Angebot, 2025 waren es 42 Prozent, 2026 nur noch 29 Prozent. Gleichzeitig konnten 66 Prozent der befragten Unternehmen ihre Ausbildungsplätze vollständig besetzen. Das heißt nicht, dass der Mangel an qualifizierten Bewerbenden vorbei ist. Die Situation ist differenzierter geworden und die wirtschaftliche Unsicherheit hinterlässt Spuren, bei den jungen Menschen und den Unternehmen.

Deutlich zeigt sich das bei der Frage zu attraktiven Benefits. Die überdurchschnittliche Ausbildungsvergütung belegt mit 88 Prozent Platz 1. Danach folgen eine Prämie bei bestandener Abschlussprüfung, Zusatzqualifikationen, eine Übernahmegarantie sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Finanzielle Sicherheit und konkrete Perspektiven haben deutlich an Bedeutung gewonnen. Für Unternehmen heißt das: Nicht nur darüber nachdenken, welche Benefits angeboten werden, sondern diese auch sichtbar machen. Vieles wird angeboten, aber nicht kommuniziert, weil es intern als selbstverständlich gilt, für junge Menschen aber nicht selbstverständlich ist.

KI war ebenfalls ein Schwerpunkt der Studie. Sind die Azubis den Ausbildenden bereits voraus?

Zumindest fühlen sie sich so. Rund 85 Prozent der jungen Menschen schätzen sich selbst im Umgang mit KI als sehr oder eher fit ein, bei den Ausbildenden sind es nur rund 54 Prozent. Und 79 Prozent der Azubis trauen sich beim Umgang mit KI selbst am meisten zu.

Es gibt aber einen feinen Unterschied zwischen „Ich kann ChatGPT was fragen“ und „Ich verstehe, was KI kann und wo ihre Grenzen liegen“. Hier liegt eine wichtige Aufgabe für Unternehmen. KI-Kompetenz bedeutet nicht nur Prompting, sondern auch Ergebnisse kritisch zu prüfen und Datenschutz zu beachten und das eigene Nutzungsverhalten zu hinterfragen. 

Fast die Hälfte der Unternehmen stellt ihren Azubis bisher keine Angebote zum Thema KI bereit. Gleichzeitig wünschen sich rund 60 Prozent der jungen Menschen Unterstützung oder Schulungsangebote.

Was bedeutet das für die Rolle der Ausbildenden?

Ausbildende müssen nicht plötzlich zu KI-Experten oder Programmierern werden. Aber sie sollten verstehen, mit welchen Werkzeugen ihre Azubis arbeiten und welche Chancen und Risiken damit verbunden sind.

Ihre Rolle verändert sich damit ein Stück weit: weniger reines Wissen weitergeben und stattdessen stärker einordnen, hinterfragen und beim Transfer in die Praxis unterstützen. Fachwissen wird durch KI nicht unwichtiger – eher im Gegenteil. Wer beurteilen will, ob eine KI-Antwort gut ist, braucht selbst Kompetenz. Und auch Angst und Unsicherheiten in Bezug auf KI und die berufliche Zukunft sollten von jungen Menschen adressierbar sein. 

Unternehmen müssen nicht nur ihre Azubis schulen, sondern auch die Menschen, die sie begleiten.

Sicher wurde auch die Rolle von Social Media beim Recruiting dieses Jahr wieder untersucht: Gibt es hier Veränderungen im Vergleich zu den Vorjahren? Welche Rolle spielen TikTok, Instagram & Co aktuell?

Tatsächlich gibt es beim Vergleich der Generationen einen spannenden Unterschied bei den Social-Media-Kanälen. Instagram verliert bei der Generation Alpha, also den nach 2010 Geborenen, deutlich an Wichtigkeit. Während 56 Prozent der Generation Z Ausbildungswerbung auf Instagram wahrnehmen, sind es bei der Generation Alpha nur 32 Prozent.

Für uns war in dieser Studie aber ein anderer Aspekt von Bedeutung. Die Frage nach dem Nutzungsverhalten. Eine Studie aus Italien zeigt, junge Menschen, die sehr früh und intensiv soziale Medien nutzen, zeigen später deutlich schlechtere Schulleistungen im Bereich Rechenfähigkeit und Textverständnis. Mit einem Blick auf die deutschen PISA-Ergebnisse sollte wir dem Nutzungsverhalten noch mehr Aufmerksamkeit schenken. 
Rund 45 Prozent der befragten Jugendlichen sind drei Stunden oder länger in den sozialen Medien unterwegs. Etwa drei Viertel nehmen zumindest gemischte oder überwiegend negative Auswirkungen ihrer Nutzung auf die psychische Gesundheit wahr. Auch bei Konzentration und Leistungsfähigkeit sieht ein großer Teil nicht nur positive Effekte.

Gibt es noch weitere Gründe, die Social Media Nutzung kritisch zu hinterfragen?

Uns geht es nicht darum, Social Media zu verteufeln. Sie ermöglichen Austausch, Information und Inspiration und sind natürlich auch für das Recruiting relevant. Aber intensive Nutzung kann in problematische oder suchtähnliche Verhaltensmuster übergehen. Wenn dann Schlaf, Konzentration, Stress oder Selbstwert leiden, sind wir schnell bei einem ganz anderen Thema als Recruiting.

Hier schließt sich der Kreis zum Thema psychischer Gesundheit und Fehlzeiten. Ein weiterer Schwerpunkt der Studie.

Das Thema „Psychische Belastungen von Azubis“ beleuchtet Felicia Ullrich in unserer Online-Infoveranstaltung am 29. Oktober von 10 bis 11.30 Uhr. Ihr Unternehmen ist Mitglied bei ChemieNord und Sie möchten an der Veranstaltung teilnehmen? Melden Sie sich gern bei uns unter info@chemienord.de.

Felicia Ullrich


ist Expertin für Ausbildung, Recruiting, Employer Branding und Eignungsdiagnostik sowie Inhaberin der u-form Testsysteme GmbH, die Testverfahren und Recruiting-Tools anbietet. 

Die jährlich erscheinende Studie „Azubi-Recruiting Trends“ ist Deutschlands größte doppelperspektivische Studie zum Thema Ausbildungsmarketing – mit Antworten von mehr als 9.000 Schülerinnen und Schülern, Azubis, dual Studierenden und Bewerbenden sowie über 2.000 Ausbildungsverantwortlichen. 

Herausgegeben wird die Studie von Felicia Ullrich, geschäftsführende Gesellschafterin der u-form Testsysteme. Wissenschaftlich begleitet wird sie von Prof. Dr. Christoph Beck, Professor für Human Ressource Management an der Hochschule Koblenz.

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