Ein Plädoyer für hochstrukturierte Vorstellungsgespräche

„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ ist keine zielführende Frage

Jobinterviews werden oft unstrukturiert geführt, viele der allseits beliebten und bekannten Fragen sagen nichts über die berufliche Leistung aus und oft spielt auch das Bauchgefühl eine zu entscheidende Rolle, sagt Kriminologe und Interviewexperte Henning Stuke. Um Ordnung und Vergleichbarkeit in Vorstellungsgespräche zu bringen, plädiert er für hochstrukturierte Interviews – und gibt nebenbei Insider-Tipps, woran man Lügen erkennt.

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Sagen Hobbys etwas über die Persönlichkeit aus?

Was meinen Sie? Sind Personen, die gern klettern oder Rugby spielen besonders durchsetzungsstark? „Nein, solche Zusammenhänge konnten wissenschaftlich nicht belegt werden. Aus Hobbys können Sie keine Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der Bewerber ziehen“, erklärte Henning Stuke in einer ChemieNord-Infoveranstaltung Mitte September. Und auch Lücken im Lebenslauf hätten viel zu viele Gründe, als dass sie etwas Verlässliches aussagen könnten.

Und wie sieht es mit der oft geforderten langjährigen Berufserfahrung aus? Je mehr Berufserfahrung, desto mehr Leistung? „Fakt ist“, erläuterte Stuke, „irgendwann nimmt die Kurve der Lernfähigkeit/ -bereitschaft und -gelegenheit ab. In der Regel korreliere also lange Berufserfahrung gerade nicht mit mehr Leistung. Was aber natürlich nicht alle betrifft, denn manche bilden sich weiter und werden dadurch eben doch kontinuierlich besser statt schlechter.“ Dazu brauche es allerdings sehr viel Feedback, was viele in ihrem alltäglichen Job nicht hätten. Relevanter als die Dauer sei die Vielfalt der Berufserfahrung.

Woran Sie schlechte Fragen erkennen

Schlechte Fragen zeichnen sich laut Stuke vor allem durch folgende drei Merkmale aus:  
 

  • Sie sind nicht auf die konkrete Stelle zugeschnitten.
  • Sie sind in jedem Ratgeber zu finden.
  • Die Antworten auf die Fragen sind kaum sinnvoll interpretierbar.

Ein Beispiel ist die Frage nach den Schwächen. „Schwächen sind doch sowieso immer Ungeduld und Schokolade – also irgendetwas, das für den Arbeitgeber eigentlich von Vorteil ist“, so der Kriminologe. 

Wie man es besser macht: Entwickeln Sie Leitfäden für hochstrukturierte Interviews  

60 Prozent der deutschen Unternehmen haben laut Stuke einen Interviewleitfaden, aber nur drei Prozent hätten es auch mit einem Punktesystem hinterlegt. Diese drei Prozent seien jedoch 8-mal effektiver: „Man kann Bewerber nur miteinander vergleichen, wenn man exakt die gleichen Fragen stellt, die Antworten sofort bewertet und vom Bauchgefühl weggeht“, erklärte er. So würden auch weitere potenzielle Fehlerquellen minimiert, wie bspw., dass Ähnlichkeit Sympathie schafft oder maskulin wirkende Männer eher als führungsstark wahrgenommen werden.  

Um einen hilfreichen Leitfaden für ein hochstrukturiertes Interview zu entwickeln, müsse man zunächst vier bis fünf prägende Haupttätigkeiten eines Jobs herausfiltern. Zu diesen Tätigkeiten sollten biografische Fragen (wie hat man sich in der Vergangenheit in einer bestimmten Situation verhalten?), situative Fragen (sich in eine Frage hineindenken) und Fachfragen entwickelt werden. Und schließlich sollten diese Fragen mit geclusterten und bewerteten Antwortmöglichkeiten hinterlegt werden. 

Woran erkennt man Lügen?

Durch Nervosität? Durch Emotionen? Oder vielleicht durch die allererste ganz spontane Reaktion, bspw. das Verziehen des Mundwinkels? „Nein, Emotionen helfen nicht weiter“, so der erfahrene Kriminologe Stuke. „Satt den Verdächtigen genau anzuschauen, ist es immer zielführender ihn oder sie aufzufordern, mehr zu erzählen.“ Denn entscheidend seien die inhaltlichen Widersprüche. Sich Geschichten auszudenken, erfordere schließlich eine Menge Konzentration und Rechenpower des Gehirns. „Man zählt nicht die äußeren Merkmale, sondern die inneren Anstrengungen“, so Stuke. Man müsse also darauf achten, ob eine Story zu glatt ist oder viel Unkonkretes beinhaltet wie „jemand“. Es gehe darum, die Ecken und Kanten einer Geschichte zu zählen und auch darauf zu achten, ob sich jemand spontan verbessert. Je mehr Ecken und Kanten es gibt, desto eher sei die Geschichte wahr. Ein Lügner verzichte in der Regel auf Handlungskomplikationen und überflüssige Details, denn auch die müsste er schließlich absichern. 

Wenn Sie mehr wissen wollen oder Unterstützung beim Erarbeiten eines Leitfadens für ein hochstrukturiertes Interview benötigen, melden Sie sich gern bei unserem Referenten Henning Stuke.

Herr Stuke ist Kriminologe und Trainer für forensische Interview-Techniken bzw. investigative Befragungssituationen und war 22 Jahre bei der Kriminalpolizei in Niedersachsen tätig.

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